Kitesurfen ist mehr als nur Wind, Wasser und ein großer Schirm am Himmel. Wer einmal den ersten Gleitmoment erlebt hat, merkt schnell: Dieser Sport macht süchtig – und er hat eine steile Lernkurve. Genau hier kommt ein mächtiges Tool ins Spiel, das viele Kitesurfer noch unterschätzen: Video-Feedback.
Ob du gerade deine ersten Wasserstarts übst, den Toeside-Fahrstil stabilisieren willst oder an Kiteloops und Unhooked-Tricks arbeitest – mit gezielter Videoanalyse kannst du Fehler entdecken, die du auf dem Wasser nicht bemerkst, und deine Fortschritte deutlich beschleunigen.
Warum Video-Feedback beim Kitesurfen so stark ist
Beim Kiten passiert alles schnell: Böen, Boardkante setzen, Absprung, Landung – oft bleibt kaum Zeit, bewusst wahrzunehmen, was du wirklich gemacht hast. Das subjektive Gefühl auf dem Wasser unterscheidet sich häufig stark von der Realität.
Genau hier setzt Video-Feedback an: Es holt deinen Ride aus dem Moment heraus und macht ihn sichtbar, wiederholbar und analysierbar. Du kannst dir jede Bewegung in Ruhe ansehen, pausieren, zurückspulen und mit besseren Versuchen vergleichen.
- Objektive Sicht: Du siehst, was wirklich passiert ist – nicht nur das, was du glaubst, gespürt zu haben.
- Fehlererkennung: Kleine Technikfehler, etwa falscher Kantendruck oder zu späte Lenkimpulse, werden plötzlich glasklar.
- Schnellere Lernfortschritte: Du verknüpfst Körpergefühl mit Bild – so speichert dein Gehirn die richtige Bewegung viel nachhaltiger.
- Motivation: Fortschritte lassen sich sichtbar dokumentieren. Nichts motiviert mehr, als die eigene Entwicklung im Zeitraffer zu sehen.
Typische Probleme beim Lernen – und wie Video hilft
Viele Kitesurfer bleiben über Monate oder Jahre auf einem bestimmten Level stehen. Meist liegt es nicht am fehlenden Talent, sondern daran, dass sie ihre Technikfehler nicht erkennen. Video-Feedback wirkt hier wie eine Lupe.
Einige klassische Beispiele, bei denen Videoanalyse besonders viel bringt:
- Wasserstart: Sitzposition zu tief, Board zu flach, zu hektische Barbewegungen.
- Höhe laufen: Oberkörper dreht nicht mit, zu wenig Kantendruck, Blick zu nah vor dem Board.
- Sprünge: Absprung ohne sauberes Aufkanten, Schirm nicht hoch genug, zu frühe oder späte Landung.
- Fortgeschrittene Tricks: Rotationen nicht fertig gedreht, falsches Timing beim Kiteloop, schlechte Körperspannung in der Luft.
Im Video lassen sich diese Details Frame für Frame analysieren. Du kannst direkt sehen, wo in der Bewegung der Fehler entsteht – und genau dort mit Korrekturen ansetzen.
Welche Art von Videos beim Kitesurfen sinnvoll ist
Du musst keinen Hollywood-Film drehen, um von Video-Feedback zu profitieren. Entscheidend ist, dass Perspektive, Abstand und Stabilität stimmen, damit deine Bewegungen klar erkennbar sind.
1. Ufer- oder Strandperspektive
Ein Filmer am Strand ist häufig der einfachste Einstieg. Er sieht die gesamte Szene: Anfahrt, Sprung, Flugphase und Landung.
- Ideal für: Wasserstart, Höhelaufen, Sprünge, Boardwechsel, erste Manöver.
- Vorteil: Der Bewegungsablauf ist komplett sichtbar, inklusive Kiteposition und Linienführung (je nach Entfernung).
- Tipp: Nutze Zoom moderat, damit du nicht aus dem Bild verschwindest, wenn du fährst oder springst.
2. Actioncam am Helm oder Brustgurt
Eine Helmkamera zeigt genau das, was du siehst – perfekt, um Blickführung, Barposition und Timing zu analysieren.
- Ideal für: Timing bei Sprüngen, Loops, Rotationen, Handposition an der Bar.
- Vorteil: Sehr dicht am Geschehen; du erkennst, wann du auf die Bar schaust, wann nach Lee oder in Fahrtrichtung.
- Tipp: Ein leicht nach unten geneigter Winkel hilft, sowohl Board als auch Bar im Bild zu haben.
3. Drohnenaufnahmen
Drohnen liefern eine spektakuläre Vogelperspektive und sind besonders stark für Linienführung, Abstand und Höhe.
- Ideal für: Freestyle-Manöver, Big-Air-Sprünge, Downwinder, Gruppen-Sessions.
- Vorteil: Das Gesamtbild von Rider, Kite und Umgebung ist klar zu erkennen.
- Hinweis: Beachte immer lokale Vorschriften und Sicherheitsabstände beim Drohnenflug.
So setzt du Video-Feedback strukturiert ein
Einfach nur alles zu filmen reicht nicht. Um nachhaltig besser zu werden, brauchst du einen klaren Plan, wie du deine Videos nutzt.
1. Definiere ein Lernziel pro Session
Konzentriere dich pro Session auf 1–2 konkrete Lernziele, zum Beispiel:
- Sauberer Wasserstart ohne Absaufen.
- Konstant Höhe laufen auf beiden Schlägen.
- Erster kontrollierter Railey.
- Höher springen mit sicherer Landung.
Bitte deinen Filmer, genau diese Situationen aufzunehmen. So vermeidest du Datenmüll und fokussierst deine Analyse.
2. Wähle die wichtigsten Sequenzen aus
Nach der Session musst du nicht jede Sekunde Material anschauen. Markiere oder schneide die entscheidenden Versuche heraus.
- Einige deiner besten Versuche (gefühlt).
- Einige klare Fehlversuche.
- Versuche direkt vor und nach einer spürbaren Verbesserung.
Der Vergleich zwischen „Fehlversuch“ und „besserer Versuch“ ist extrem lehrreich, weil sich der Unterschied oft deutlich im Video zeigt.
3. Videoanalyse Schritt für Schritt
Gehe bei der Analyse systematisch vor, anstatt „einfach so“ draufzuschauen. Ein sinnvolles Raster kann sein:
- Setup: Körperhaltung, Boardposition, Kiteposition, Geschwindigkeit vor dem Move.
- Ausführung: Timing von Kitelenkung, Kantendruck, Körperrotation, Barbewegungen.
- Landung: Kiteposition, Gewichtsverlagerung, Blickrichtung, Stabilität auf dem Board.
Nutze die Pausenfunktion und spule vor und zurück. Achte auf wiederkehrende Muster: Machst du immer denselben Fehler – oder war es nur ein Ausrutscher?
Worauf du konkret im Video achten solltest
Je nach Fahrkönnen und Lernziel verschieben sich die Schwerpunkte. Einige universelle Punkte helfen aber fast jedem Kitesurfer weiter.
1. Blickrichtung und Kopfhaltung
Der Körper folgt dem Blick. Im Video kannst du prüfen:
- Schaust du dorthin, wo du hinfahren willst, oder ständig auf dein Board?
- Bei Sprüngen: Hebst du den Blick für die Landung rechtzeitig in Fahrtrichtung?
- Bei Rotationen: Führt dein Kopf die Drehung, oder „hängt“ er hinterher?
Die meisten unterschätzen, wie stark eine falsche Blickführung ihre Stabilität beeinträchtigt. Video-Feedback macht das schonungslos sichtbar.
2. Körperposition und Haltung
Eine stabile, entspannte Körperhaltung ist die Basis für Kontrolle und Style. Prüfe im Video:
- Ist dein Oberkörper aufrecht und leicht gegen den Zug des Kites gelehnt – oder sitzt du zu tief?
- Hältst du deine Hüfte nach vorne geöffnet, oder knickst du in der Hüfte ein?
- Bleibt dein Körper während des Sprungs kompakt, oder bist du komplett „auseinandergefallen“?
Allein durch bewusste Korrektur der Körperhaltung wirken viele Manöver plötzlich deutlich kontrollierter und „cleaner“.
3. Barführung und Armposition
Die Bar ist dein direkter Kontakt zum Kite. Im Video zeigt sich oft klar:
- Ziehst du die Bar ständig voll heran, obwohl es nicht nötig ist?
- Greifst du zu weit außen oder innen an der Bar und verlierst dadurch Feingefühl?
- Verkrampfen deine Arme, oder bleiben sie locker bei kontrollierter Führung?
Ein ruhiges, bewusstes Bar-Handling ist ein Schlüssel für Sicherheit und Performance – und wird mit Video viel leichter erlernbar.
Tools und Apps für bessere Videoanalyse
Neben Kamera und Speicherkarte gibt es einige einfache Tools, die deine Analyse deutlich aufwerten können.
- Slow-Motion und Zeitlupe: Viele Smartphones und Actioncams bieten hohe Frameraten. Gerade bei Sprüngen und Tricks ist Zeitlupe Gold wert.
- Frame-by-Frame-Apps: Apps, mit denen du Bild für Bild weiterspringen kannst, sind ideal, um das genaue Timing zu erfassen.
- Zeichen- und Notizfunktionen: Manche Coaching-Apps erlauben es, Linien einzuzeichnen, Winkel zu markieren und Sprachnotizen hinzuzufügen.
- Vergleichsansicht: Zwei Videos nebeneinander – z.B. du und ein erfahrener Rider – helfen, Unterschiede direkt zu erkennen.
Du musst nicht sofort in komplexe Software einsteigen. Oft reichen schon die Bordmittel deines Smartphones, um wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen.
Video-Coaching mit Trainer vs. Solo-Analyse
Natürlich kannst du deine Videos allein analysieren. Noch effektiver wird es jedoch, wenn du erfahrene Augen dazunimmst, etwa einen lizenzierten Kite-Coach.
Vorteile von professionellem Video-Coaching:
- Erfahrene Trainer sehen Fehler, die du selbst nicht bemerkst.
- Du bekommst konkrete, priorisierte Korrekturempfehlungen.
- Die Lerninhalte werden auf dein Level und deine Ziele zugeschnitten.
- Häufig reichen wenige Sessions, um deutliche Sprünge nach vorne zu machen.
Wenn du keinen Coach vor Ort hast, ist auch Online-Coaching möglich: Du schickst deine Videos ein und erhältst eine ausführliche Analyse inklusive Verbesserungsvorschlägen.
So integrierst du Video-Feedback in dein Training
Damit Video-Feedback nicht zur reinen Spielerei verkommt, solltest du es fest in deine Kite-Routine einbauen. Ein einfacher Ablauf könnte so aussehen:
- Vor der Session: Lernziel festlegen (z.B. sicherere Landungen, erster Backroll).
- Während der Session: Gezielte Versuche filmen lassen, nicht „alles und jeden“.
- Direkt danach: Kurz die wichtigsten Szenen ansehen, 1–3 Hauptfehler identifizieren.
- Zu Hause: Detailliertere Analyse, Notizen zu Korrekturpunkten machen.
- Nächste Session: Mit diesen Korrekturpunkten bewusst aufs Wasser gehen und neuen Videoclip aufnehmen.
So entsteht ein kontinuierlicher Lernkreislauf: Fahren – Filmen – Analysieren – Korrigieren – Fahren. Mit jeder Schleife wird deine Technik stabiler und dein Riding stylisher.
Sicherheit: Diese Punkte solltest du nicht übersehen
Bei allem Fokus auf Performance darf Sicherheit nie zu kurz kommen – weder beim Kitesurfen noch beim Filmen.
- Abstand halten: Der Filmer sollte immer genügend Sicherheitsabstand zum Wasser und zu anderen Kites halten.
- Keine Ablenkung: Lass dich während des Rides nicht vom Filmer ablenken. Konzentriere dich auf Umgebung und Bedingungen.
- Drohnen sicher fliegen: Kein Flug über Menschen, immer respektvoller Abstand zu Kites, Leinen und Start-/Landezone.
- Bedingungen einschätzen: Nutze Video-Feedback, um Technik zu verbessern, nicht, um dich bei gefährlichen Bedingungen zu „pushen“.
Gute Technik ist übrigens selbst ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Je besser du deinen Kite und dein Board kontrollierst, desto souveräner reagierst du in kritischen Situationen.
Fazit: Kitesurfen mit System lernen
Video-Feedback ist eines der effektivsten Werkzeuge, um dein Kitesurfen auf das nächste Level zu bringen. Es verwandelt vage Eindrücke auf dem Wasser in klare, sichtbare Fakten und zeigt dir Schritt für Schritt, wo du ansetzen musst.
Du musst dafür weder Profi noch Technik-Nerd sein. Schon ein paar einfache Clips pro Session, bewusst aufgenommen und ausgewertet, können einen gewaltigen Unterschied machen. Mit jedem analysierten Video wirst du sicherer, stylisher und bewusster unterwegs sein – und genau darum geht es am Ende: Mehr Spaß, mehr Kontrolle und noch intensivere Momente auf dem Wasser.
Wenn du das nächste Mal deinen Kite aufbaust, denk daran: Vielleicht ist heute der perfekte Tag, um die Kamera einzupacken und deinen Ride aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen.



